Der Wecker klingelt um 04:45 Uhr. Bevor die Schicht beginnt, muss der Vierjährige zur Tagesmutter, die reguläre Kita öffnet erst um sieben. Um 06:00 Uhr sitzt Melanie im Rettungswagen, bereit für zwölf Stunden Notfälle, Verlegungsfahrten und Papierkram. Um 18:00 Uhr endet die Schicht. Theoretisch. Praktisch bedeutet ein später Einsatz, dass sie erst um 19 Uhr in der Kita steht, die eigentlich um 18:30 Uhr schliesst. Die Tagesmutter springt ein. Wieder.
Abends, wenn der Kleine schläft, scrollt Melanie durch Nachrichten auf Blaulichtsingles.ch. Morgen hat sie frei. Vielleicht klappt es mit einem Kaffee. Vielleicht springt aber auch eine Kollegin ab und sie übernimmt die Schicht.
Melanies Geschichte ist fiktiv. Die Realität dahinter betrifft Hunderte Sanitäterinnen in der Schweiz. Die IVR-Berufsverbleibstudie 2024 zeigt: Frauen verlassen den Rettungsdienst im Median nach 4,8 Jahren. Kinderbetreuung und Schichtarbeit sind der Haupttreiber. Und alleinerziehend potenziert das Problem.
Schicht + Kind = Tetris ohne passende Steine
Wer Schichtdienst und Kinderbetreuung als alleinerziehende Person unter einen Hut bringen will, spielt jeden Tag ein Logistikspiel, bei dem die Regeln sich wöchentlich ändern:
- Frühschicht beginnt um 06:00 Uhr, Kitas öffnen frühestens um 06:45
- Spätschicht endet um 22:00 oder 23:00 Uhr, lange nach Kita-Schluss
- Nachtschichten fallen ganz aus dem Betreuungsraster
Für Elternpaare lässt sich das aufteilen. Für Alleinerziehende gibt es keine zweite Person, die einspringt.
Die Lösung heisst in der Praxis: Flickwerk. Tagesfamilien, die um 05:30 Uhr das Kind nehmen. Grosseltern, die einspringen, wenn sie können. Nachbarinnen, die einen Schlüssel haben. Ein Netzwerk, das funktioniert, solange niemand krank wird oder in die Ferien fährt. Fällt ein Glied in der Kette aus, steht die gesamte Konstruktion.
Im Rettungsdienst kommt ein spezifisches Problem dazu: die Unplanbarkeit. Schichtpläne stehen zwar Wochen im Voraus fest. Aber Krankheitsausfälle, Pikettdienste und Überstunden machen jede Planung fragil. Wer alleine für ein Kind verantwortlich ist, kann nicht einfach spontan eine Nachtschicht übernehmen, auch wenn der Teamdruck gross ist. Viele alleinerziehende Sanitäterinnen berichten, dass sie sich ständig rechtfertigen müssen. Nicht gegenüber dem Arbeitgeber, der rechtlich Rücksicht nehmen muss, sondern gegenüber dem Team, das die Ausfälle kompensiert.
Das Schweizer Arbeitsgesetz schützt Eltern grundsätzlich: Nachtarbeit ist für Schwangere und Stillende verboten, und Arbeitnehmende mit Betreuungspflichten haben Anspruch auf Rücksichtnahme bei der Dienstplanung. In der Praxis kollidiert dieser Anspruch aber mit dem operativen Druck. Ein Rettungsdienst muss rund um die Uhr besetzt sein. Wenn drei von zwölf Teamkolleginnen Kinder haben und keine Nachtschichten übernehmen kann, tragen die restlichen neun die Last.
Teilzeit scheint der logische Kompromiss. Aber Teilzeit hat einen Preis: weniger Lohn, weniger Pensionskasse, weniger Karrierechancen.
Tatsächlich zeigt die IVR-Studie ein Durchschnittspensum von 79 Prozent im Rettungsdienst. Für Alleinerziehende, die ohnehin nur ein Einkommen haben, ist das eine Gleichung, die selten aufgeht.
Warum Frauen den Beruf verlassen
Die IVR-Berufsverbleibstudie 2024 ist die erste systematische Erhebung zum Berufsverbleib diplomierter Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter HF in der Schweiz. 1'453 Fachpersonen haben teilgenommen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Der Median des Berufsverbleibs liegt bei 7,5 Jahren. 77 Prozent verlassen den Beruf innerhalb von zehn Jahren. Und Frauen gehen schneller, im Median nach 4,8 Jahren, Männer nach 6,4 Jahren.
Die Gründe sind vielschichtig, aber ein Faktor sticht heraus: die Vereinbarkeit von Familie und Schichtarbeit. Nachtdienste, Wochenenddienste und Pikettbereitschaft lassen sich mit schulpflichtigen Kindern kaum kombinieren. Mit einem Baby oder Kleinkind erst recht nicht.
Viele Frauen wechseln innerhalb des Gesundheitswesens: in die Pflege, in die Ausbildung, ins Qualitätsmanagement. Berufe mit planbaren Arbeitszeiten und ohne Nachtschichten. Der Rettungsdienst verliert damit gezielt weibliches Personal mit Erfahrung. Bei einem Frauenanteil von 59,5 Prozent unter den Neudiplomierten verschärft das den Fachkräftemangel.
Was selten diskutiert wird: Der Ausstieg ist keine freie Wahl. Es ist ein strukturelles Problem. Solange Kita-Öffnungszeiten auf Büroarbeitszeiten ausgerichtet sind und flexible Betreuung in der Schweiz entweder nicht existiert oder unbezahlbar ist, werden Frauen im Schichtdienst weiterhin vor die Wahl gestellt: Beruf oder Kind.
Ein Aspekt, der in der Studie nur am Rand vorkommt, aber in Gesprächen mit Betroffenen zentral ist: die mentale Belastung. Alleinerziehende Sanitäterinnen tragen die emotionale Last der Einsätze nach Hause, ohne jemanden, der abends zuhört. Peer-Support und Supervision existieren, aber sie finden während der Arbeitszeit statt. Wer Teilzeit arbeitet und nach der Schicht das Kind abholen muss, hat selten Kapazität für ein zusätzliches Debriefing.
Und dann gibt es die Fälle, über die niemand spricht: Reanimation eines Kindes im gleichen Alter wie das eigene. Einsatz bei häuslicher Gewalt, während zu Hause das eigene Kind wartet. Die Dargebotene Hand (143) und spezialisierte Beratungsstellen wie die Fachstelle für Schichtarbeit und Gesundheit bieten Anlaufstellen. Aber das Grundproblem bleibt: Das System erwartet, dass Sanitäterinnen funktionieren, als Fachperson und als Mutter. Gleichzeitig. Ohne Pause.







