Es gibt diesen Moment, den jede Partnerin und jeder Partner eines Polizisten kennt. Das Handy klingelt nicht. Die Schicht ist längst vorbei. Und du sitzt auf dem Sofa, starrst auf den Bildschirm und denkst: Warum meldet er sich nicht? In diesem Moment wird aus Sorge etwas anderes. Etwas, das sich in die Brust frisst und nicht mehr loslässt.
In der Schweiz werden Polizistinnen und Polizisten durchschnittlich achtmal am Tag angegriffen. Das ist kein Klischee aus einem Kriminalfilm, sondern eine Zahl des Bundesamts für Statistik. Hinter dieser Zahl stehen nicht nur Beamte in Schutzwesten. Hinter dieser Zahl stehen auch die Menschen, die zu Hause warten. Die den Schlüssel in der Tür hören und erst dann wieder atmen können.
Dieser Artikel ist für euch. Nicht für die Polizei. Für die Menschen, die sie lieben.
Die Zahlen: Eine Eskalation über zwei Jahrzehnte
Im Jahr 2000 registrierte das Bundesamt für Statistik (BFS) 774 Fälle von Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte nach Artikel 285 des Strafgesetzbuches. Die Mehrheit dieser Fälle betraf Polizistinnen und Polizisten. Was damals schon beunruhigend war, ist heute eine Lawine: Bis 2017 stieg die Zahl auf 3'102 Fälle — ein Anstieg von über 300 Prozent in weniger als zwei Jahrzehnten.
Seither bewegen sich die Zahlen konstant über der 3'000er-Marke. Das entspricht mehr als acht Angriffen pro Tag, jeden Tag, auch an Weihnachten, auch am 1. August.
Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF titelte in einer vielbeachteten Recherche: «Achtmal pro Tag wird ein Polizist angegriffen.» Was diese Schlagzeile nicht zeigt: Die Qualität der Gewalt hat sich verändert. Der Verband Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) spricht von einer «besorgniserregenden Entwicklung» und warnt, dass die Angriffe zunehmend brutaler werden.
Wo früher Beleidigungen und Schubser standen, stehen heute Tritte gegen den Kopf. «Die Attacken werden heftiger und gefährlicher», sagt der VSPB.
Es werde getreten, auch wenn jemand bereits am Boden liegt.
Für die betroffenen Beamten sind das Nummern in einer Statistik, bis es sie selbst trifft. Für ihre Partnerinnen und Partner waren es nie Nummern. Es war immer persönlich. Jede Meldung über einen verletzten Polizisten in den Nachrichten wird zum inneren Kurzschluss: Ist er das? Ist sie das?
Die Angst wächst mit jeder Schlagzeile. Und sie wächst mit dem Wissen, dass die Zahlen nicht sinken. Die jüngsten BFS-Daten zeigen, dass der Trend anhält. Die Hemmschwelle sinkt, die Brutalität steigt. Und die Menschen zu Hause tragen eine Last, über die kaum jemand spricht.
Was es zu Hause bedeutet: Wenn die Angst mitschläft
«Ich stehe zwischen den Stühlen. Ich will ihm nicht weh tun, aber ich mache mir Sorgen.» Dieser Satz stammt aus einem Onlineforum, geschrieben von einer Frau, deren Partner bei der Polizei arbeitet. Er steht stellvertretend für tausende Partnerinnen und Partner in der Schweiz, die nicht wissen, wohin mit ihrer Angst.
Auf dem Portal Hilferuf.de schreibt eine andere Frau, deren Freund für eine Spezialeinheit zugelassen wurde: «Als ich ihn in voller Schutzausrüstung sah, wurde mir schlecht. Das fühlte sich nicht beruhigend an.» Sie beschreibt, wie die Angst mit jedem Einsatz grösser wird und wie schwer es ist, darüber zu sprechen, ohne als überempfindlich abgestempelt zu werden.
Die Wissenschaft hat einen Namen für das, was diese Partnerinnen und Partner erleben: sekundäre Traumatisierung. Der Begriff beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen, die regelmässig mit den traumatischen Erlebnissen anderer konfrontiert werden, selbst Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickeln:
- Schlafstörungen
- Übererregung
- Emotionale Taubheit
- Reizbarkeit
Symptome, die sonst nur bei den direkt Betroffenen erwartet werden. Eine Studie in PLOS ONE (Moffitt et al., 2014) untersuchte 71 Polizeirekruten und ihre Partner über einen Zeitraum von zwölf Monaten nach Dienstbeginn. Das Ergebnis: Die Wahrnehmung von PTBS-Symptomen beim Partner führte bei den Angehörigen zu eigenen sekundären Traumasymptomen. Und diese sekundären Symptome waren signifikant mit Beziehungsgewalt assoziiert.
Studien zeigen, dass rund 20 Prozent der Polizeibeamten, die Gewalterfahrungen im Dienst gemacht haben, PTBS-Symptome entwickeln. Fünf Prozent erfüllen die Kriterien einer vollständigen PTBS-Diagnose, weitere 15 Prozent zeigen subsyndromale Symptome.
Was bedeutet das für den Alltag zu Hause? Es bedeutet, dass ein betroffener Polizist sich zurückzieht. Dass er auf Fragen einsilbig antwortet. Dass er nachts hochschreckt. Dass er beim Knall einer Autotür zusammenzuckt. Und dass die Partnerin oder der Partner irgendwann aufhört zu fragen, nicht aus Desinteresse, sondern aus Erschöpfung.
«Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, und es wird normal. Die Angst ist nicht ständig da, aber sie geht auch nie ganz weg.»
So berichtet eine Mutter eines Polizisten auf Urbia.de. Dieses permanente Schwanken zwischen Normalität und Alarmbereitschaft ist das, was sekundäre Traumatisierung so tückisch macht.







