Die Schweiz hat 26 Kantone, vier Landessprachen und über 300 Polizeikorps. Was nach kultureller Vielfalt klingt, wird für Polizistinnen und Polizisten zur handfesten Beziehungs-Hürde, sobald die Partnerin oder der Partner im falschen Kanton lebt. Denn anders als in Deutschland oder Österreich gibt es in der Schweiz keinen nationalen Polizeiapparat. Jeder Kanton betreibt sein eigenes Korps, mit eigenen Löhnen, eigenen Reglementen und eigenen Aufnahmeprüfungen. Wer den Kanton wechselt, wechselt nicht einfach die Dienststelle, sondern startet im schlimmsten Fall beruflich bei null.
Das klingt abstrakt, bis man sich verliebt. In jemanden aus Lausanne, wenn man selbst bei der Kantonspolizei St. Gallen arbeitet. Oder in jemanden aus Lugano, während man in Aarau Dienst schiebt. Plötzlich steht eine Frage im Raum, die in den meisten Berufen nicht existiert: Umziehen oder pendeln? Und wenn umziehen, was kostet mich das beruflich?
26 Systeme, null Kompatibilität
Die Schweiz kennt kein einheitliches Polizeisystem. Es gibt 26 Kantonspolizeien, dazu Stadtpolizeien in Zürich, Winterthur, Bern, Biel, Lausanne und weiteren Städten sowie die Bundespolizei Fedpol. Jedes dieser Korps funktioniert nach eigenen Regeln.
Die Ausbildung findet an verschiedenen Schulen statt:
- Interkantonale Polizeischule Hitzkirch (Kanton Luzern): 350 bis 400 Aspiranten jährlich aus elf Deutschschweizer Kantonen
- Polizeiakademie Savatan (Wallis): Pendant für die Westschweiz, seit 2016 auch für Genfer Aspiranten
- Weitere Schulen in Amriswil, Colombier, Giubiasco, Ittigen und Zürich
Was alle Schulen gemeinsam haben: Die Grundausbildung dauert rund zwei Jahre und schliesst mit dem eidgenössischen Fachausweis ab. Was sie trennt: der Weg dorthin. Kantonale Aufnahmeprüfungen unterscheiden sich stark. Die Kantonspolizei Zürich verlangt andere Fitnessstandards als die Kantonspolizei Wallis. Und obwohl der eidgenössische Fachausweis theoretisch schweizweit gültig ist, verlangen viele Korps bei einem Kantonswechsel Ergänzungsprüfungen, Anpassungslehrgänge oder eine vollständige Probezeit. Dienstjahre und Lohnstufen werden selten eins zu eins übernommen. Es gibt kein zentrales Transfersystem, keine interkantonale Versetzungsliste, keinen Anspruch auf Übernahme.
Wer von der Kantonspolizei Bern zur Kantonspolizei Freiburg wechseln will, eine Distanz von 30 Kilometern, muss sich regulär bewerben und unter Umständen Teile der Ausbildung auf Französisch nachholen.
Wer zehn Jahre Erfahrung bei der Stadtpolizei Zürich mitbringt, fängt in Luzern nicht automatisch auf demselben Niveau an. Spezialisierungen in der Kriminaltechnik oder der Verkehrspolizei lassen sich nicht einfach übertragen, weil jeder Kanton andere Strukturen hat. Das schreckt viele ab und zwingt Paare, kreativ zu werden.
Fernbeziehung oder Neuanfang
Wenn der Kantonswechsel beruflich einem Neuanfang gleichkommt, bleibt vielen Polizei-Paaren zunächst nur die Fernbeziehung. Und die hat es in sich. Nicht wegen der Distanz, die Schweiz ist klein, Basel und Zürich trennt eine Zugstunde. Sondern wegen der Schichtarbeit. Wer im Dreischichtbetrieb arbeitet, hat keinen fixen Feierabend. Spontane Besuche scheitern am Dienstplan. Gemeinsame Wochenenden sind Glückssache. Und wenn beide im Polizeidienst arbeiten, multipliziert sich das Problem: Zwei rotierende Schichtpläne unter einen Hut zu bringen gleicht einem logistischen Meisterwerk.
Dazu kommen die finanziellen Realitäten. Lohnunterschiede zwischen den Kantonen sind erheblich:
- Kanton Zürich: über 95'000 Franken Einstiegslohn
- Solothurn und St. Gallen: ebenfalls überdurchschnittlich
- Kanton Graubünden: rund 70'000 Franken Einstiegslohn
- Glarus, Freiburg, Appenzell: am unteren Ende
Bei einer Differenz von 20'000 bis 25'000 Franken pro Jahr ist ein Wechsel keine Kleinigkeit, besonders wenn eine Hypothek oder eine Familie im Spiel ist.
Die Versuchung liegt nahe, den Wechsel aufzuschieben. «Noch ein Jahr, dann schauen wir weiter.» Polizeipaare kennen diesen Satz. Das Problem: «Ein Jahr» wird schnell zu drei, zu fünf, zu einem Jahrzehnt. Die Fernbeziehung verfestigt sich zum Dauerzustand. Es gibt keine einfache Antwort. Was hilft: ein ehrliches Gespräch über Prioritäten. Was ist der Beruf wert, was die Beziehung? Und gibt es Kompromisse, etwa einen Umzug in einen Grenzkanton, von dem aus beide pendeln können?
Manche Paare finden pragmatische Lösungen. Wohnen im Kanton Aargau, der zwischen Zürich, Bern und der Nordwestschweiz liegt, mit Pendeloptionen in mehrere Richtungen. Oder ein Partner wechselt in einen verwandten Beruf: Fedpol, Grenzwachtkorps, Transportpolizei SBB oder private Sicherheit.
Andere entscheiden sich bewusst für den harten Schnitt. Ein Partner kündigt, bewirbt sich beim Korps des anderen Kantons und nimmt die Nachteile in Kauf: tiefere Lohnstufe, erneute Probezeit, neue Abläufe. Es braucht Mut und finanzielle Rücklagen. Aber wer diesen Schritt wagt, investiert in die Beziehung und gewinnt langfristig an Lebensqualität.







