Median sieben Jahre, dann Ausstieg. Frauen noch schneller. Die IVR-Berufsverbleibstudie 2024 liefert erstmals harte Zahlen zu einer Realität, die im Rettungsdienst niemanden überrascht — aber bisher niemand belegen konnte. 1'453 diplomierte Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter HF haben geantwortet.
Was sie berichten, betrifft nicht nur die Personalplanung in der Schweizer Notfallversorgung. Es betrifft Partnerschaften, Familien und Lebensentwürfe. Denn wenn jemand nach Jahren im Schichtdienst den Beruf wechselt, verändert sich nicht nur der Arbeitsweg. Es verändert sich die Identität — und damit die Beziehung.
Was passiert mit uns, wenn du nicht mehr im Rettungsdienst arbeitest? Diese Frage kommt in keiner Studie vor — aber in vielen Küchen.
Was die IVR-Berufsverbleibstudie zeigt
Der Interverband für Rettungswesen (IVR) hat 2024 erstmals strukturierte Daten zum Berufsverbleib von diplomierten Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern HF in der Schweiz erhoben. Die Studie, publiziert in der Fachzeitschrift Notfall + Rettungsmedizin, basiert auf 1'453 gültigen Antworten bei einer Rücklaufquote von 60,7 Prozent — ein Wert, der die Ergebnisse statistisch belastbar macht.
Die Kernzahl: Der Median des Berufsverbleibs liegt bei 7,5 Jahren. Das bedeutet, dass die Hälfte aller diplomierten Rettungssanitäter HF nach siebeneinhalb Jahren den Beruf verlassen hat. 77 Prozent sind innerhalb von zehn Jahren raus. Das ist keine Fluktuation am Rand — das ist ein systematisches Muster.
Die drei häufigsten Ausstiegsgründe:
- Fehlende Karrieremöglichkeiten (15,8 Prozent)
- Unzufriedenheit mit dem Schichtdienst (15,3 Prozent)
- Lohn (10,9 Prozent)
Wer diese drei Faktoren zusammenzählt, kommt auf über 40 Prozent — ein Cluster, das nicht auf individuelle Befindlichkeit hindeutet, sondern auf strukturelle Probleme.
Noch alarmierender ist der Ausblick: Rund 20 Prozent der aktuell Tätigen planen, den Beruf innerhalb der nächsten fünf Jahre zu verlassen. Innerhalb von zehn Jahren steigt dieser Wert auf etwa 43 Prozent. Die Branche verliert also nicht nur Erfahrung — sie weiss es im Voraus und kann trotzdem wenig dagegen tun.
Die Zahlen zum Beschäftigungsgrad vervollständigen das Bild: In der Schweiz arbeiten 3'014 diplomierte Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter auf 2'564 Vollzeitäquivalente. Das ergibt ein Durchschnittspensum von 79 Prozent. Teilzeit ist bereits Realität — nicht als Luxus, sondern als Überlebensstrategie. Gemäss berufsberatung.ch liegt der Jahreslohn zwischen 70'000 und 92'000 Schweizer Franken, je nach Kanton und Erfahrung. Für einen dreijährigen HF-Abschluss mit hoher Verantwortung und permanenter Belastung empfinden viele das als zu wenig — besonders im Vergleich mit anderen Gesundheitsberufen.
Warum Frauen schneller gehen
Eine der auffälligsten Erkenntnisse der IVR-Studie betrifft den Geschlechterunterschied. Frauen verlassen den Rettungsdienst im Median nach 4,8 Jahren. Männer halten 6,4 Jahre durch. 50 Prozent der Frauen sind also nach weniger als fünf Jahren weg — in einem Beruf, der drei Jahre Ausbildung voraussetzt.
Dieser Befund gewinnt an Brisanz, wenn man ihn mit einer zweiten Zahl kombiniert: Bei den Neudiplomierten sind mittlerweile 59,5 Prozent Frauen. Der Beruf wird weiblicher — und verliert gleichzeitig die Frauen schneller als je zuvor. Das ist kein Paradox, sondern eine direkte Folge der Arbeitsbedingungen.
Der Haupttreiber ist die Vereinbarkeit von Schichtarbeit und Kinderbetreuung. Nachtschichten beginnen, wenn Kinder ins Bett müssen. Pikettdienst verunmöglicht planbare Abende. Wochenenddienst kollidiert mit Familienzeit. In einem Land, in dem die Kita-Abdeckung kantonal stark variiert und familienergänzende Betreuung teuer ist, wird die Gleichung schnell unlösbar: Schichtarbeit plus Kind minus bezahlbare Betreuung gleich Berufsausstieg.
Viele Frauen wechseln nicht komplett aus dem Gesundheitswesen — sie gehen in die Pflege, in die Ausbildung oder ins Qualitätsmanagement, Bereiche mit planbaren Arbeitszeiten.
Der Rettungsdienst verliert damit genau die Fachkompetenz, in die er investiert hat.
Was in der Statistik nicht auftaucht: die Beziehungsdynamik hinter dem Ausstieg. Wenn eine Rettungssanitäterin nach der Geburt eines Kindes merkt, dass sie den Schichtdienst nicht mehr mit dem Familienleben vereinbaren kann, steht nicht nur eine Karriereentscheidung an. Es steht eine Neuverhandlung der Rollen an. Wer übernimmt welche Aufgaben? Wer verdient wieviel? Wer definiert sich wie? Diese Fragen können Beziehungen stärken — oder sie sprengen.
Das Durchschnittspensum von 79 Prozent zeigt, dass Teilzeit bereits ein verbreiteter Kompromiss ist. Aber Teilzeit im Schichtdienst ist nicht dasselbe wie Teilzeit im Büro. Weniger Prozent heisst weniger Schichten — aber die verbleibenden Schichten sind genauso lang, genauso belastend und genauso unplanbar. Teilzeit kauft Zeit, aber sie löst das Grundproblem nicht.







