Jeder kennt den Spruch: Polizisten-Ehen halten nicht. Das Bild ist tief verankert in Filmen, in Stammtischgesprächen, in den besorgten Blicken von Eltern, deren Tochter einen Polizisten datet. Die Schichtarbeit, der Stress, die Geheimnisse, die man nicht teilen darf. Es klingt plausibel, fast logisch. Und genau deshalb hinterfragt es kaum jemand.
Aber was, wenn die Zahlen eine komplett andere Geschichte erzählen? Was, wenn Polizei-Beziehungen nicht fragiler sind als andere, sondern stabiler? Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat den Mythos systematisch zerlegt. Die grösste verfügbare Studie zeigt: Polizisten lassen sich seltener scheiden als der Durchschnitt. Nicht häufiger. Seltener.
Bevor du jetzt denkst, das sei nur eine amerikanische Zahl ohne Relevanz für die Schweiz: Die psychologischen Mechanismen dahinter sind universell. Schichtarbeit, Traumaexposition, Berufsgeheimnis. Für die Schweiz liefert die Universität Zürich eigene Daten zur psychischen Belastung, die das Bild vervollständigen. Was fehlt: eine Schweizer Studie, die Scheidungsraten nach Beruf aufschlüsselt. Solange diese nicht existiert, ist die Behauptung «Polizisten lassen sich häufiger scheiden» eine Meinung, keine Tatsache.
Was die Forschung wirklich sagt
Die wichtigste Studie zum Thema stammt von Michael G. Aamodt und Sharon McCoy von der Radford University in Virginia. Sie haben die Daten des US-Zensus von 2000 ausgewertet und kamen zu einem Ergebnis, das den Mythos frontal widerlegt: Die Scheidungsrate bei Polizisten liegt bei 14,47 Prozent. Der Durchschnitt aller Berufe? 16,96 Prozent. Das sind nicht Nuancen, das ist ein klarer Unterschied.
Die Polizei-Scheidungsrate liegt unter der erwarteten Quote — selbst nach Korrektur für Einkommen, Alter und Geschlechterverteilung.
Die Forscher haben nicht einfach Rohzahlen verglichen, sondern demografische Faktoren wie Einkommen, Alter und Geschlechterverteilung berücksichtigt. Selbst nach dieser Korrektur blieb die Polizei-Scheidungsrate unter der erwarteten Quote von 16,35 Prozent. Polizisten schneiden also nicht nur absolut, sondern auch relativ zu ihrer Vergleichsgruppe besser ab.
Eine Folgestudie mit Daten von 2011 bis 2013 zeigte einen Anstieg auf 16,08 Prozent, immer noch im oder leicht unter dem nationalen Durchschnitt. Die Studie wurde im Journal of Police and Criminal Psychology publiziert und ist bis heute die methodisch sauberste Untersuchung zum Thema.
Für die Schweiz gibt es keine vergleichbare berufsspezifische Erhebung. Das Bundesamt für Statistik (BFS) weist die allgemeine Scheidungsrate aus: 2020 lag sie bei 41,5 Prozent, 2022 bei 39,6 Prozent, 2023 sank die Zahl der Scheidungen auf rund 16'000 pro Jahr. Diese Zahlen beziehen sich auf die zusammengefasste Scheidungsziffer, also die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine heute geschlossene Ehe irgendwann geschieden wird.
Laut OnlineScheidung.ch wird damit statistisch gesehen fast jede zweite Ehe in der Schweiz geschieden, ein Wert, der europaweit im oberen Mittelfeld liegt. Ein direkter Vergleich mit der Aamodt-Studie ist methodisch schwierig, weil unterschiedliche Massstäbe verwendet werden. Was aber feststeht: Es gibt keinen einzigen Schweizer Datensatz, der eine überdurchschnittliche Scheidungsrate bei Polizisten belegen würde. Der Mythos hat in der Schweiz schlicht keine empirische Grundlage.
Was es gibt, sind Daten zur psychischen Belastung. Die Universität Zürich hat unter der Leitung von Prof. Ulrike Ehlert eine Prävalenzstudie mit 2'300 Polizistinnen und Polizisten der Kantonspolizei Zürich und der Bundespolizei durchgeführt. Rund 20 Prozent der befragten Polizisten zeigten Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das ist eine erhebliche Zahl, jeder fünfte Beamte.
Aber sie sagt nichts über Scheidungsraten aus. Psychische Belastung und Beziehungsscheitern korrelieren, doch sie sind nicht identisch. Viele Polizisten mit hoher Belastung führen stabile Beziehungen, gerade weil der Partner als Ankerpunkt funktioniert. Und umgekehrt: Eine Scheidung muss nicht beruflich bedingt sein, auch wenn der Beruf als Erklärung naheliegt.
Warum der Mythos sich hält
Wenn die Daten so eindeutig sind, warum glaubt trotzdem fast jeder, dass Polizisten-Ehen häufiger scheitern? Drei Mechanismen wirken zusammen.
Erstens: Hollywood und die Medien. In praktisch jedem Polizeifilm oder jeder Krimiserie ist die gescheiterte Ehe Teil der Charakterzeichnung. Der einsame Ermittler, der nachts allein in seiner spärlich möblierten Wohnung sitzt, Whisky trinkt und an den Scheidungspapieren kaut. Von «Tatort» bis «True Detective»: Der beziehungsgestresste Polizist ist Standardinventar. Das prägt Wahrnehmung, auch wenn es mit der Realität wenig zu tun hat. Erzählungen formen Überzeugungen stärker als Statistiken.
Zweitens: Sichtbare Belastung. Polizeiarbeit ist objektiv belastend, das bestreitet niemand. Schichtarbeit, Gewaltexposition, Todesermittlungen, die Unmöglichkeit, zuhause darüber zu reden. Wer diese Belastung sieht, schliesst intuitiv darauf, dass auch die Beziehungen darunter leiden müssen.
Das ist ein logischer Fehlschluss. Belastung führt nicht automatisch zu Scheitern. Viele Berufe sind belastend (Notärzte, Sozialarbeiter, Soldaten) und bei keinem wird so selbstverständlich auf die Scheidungsrate geschlossen wie bei der Polizei. Es kommt darauf an, wie Paare mit Belastung umgehen. Und genau hier scheinen Polizei-Paare besser abzuschneiden als erwartet.
Drittens: Confirmation Bias. Wenn eine Polizisten-Ehe scheitert, fällt es auf. Der Beruf wird sofort als Erklärung herangezogen. Wenn ein Buchhalter sich scheiden lässt, kommt niemand auf die Idee, seinen Beruf dafür verantwortlich zu machen. Diese selektive Wahrnehmung verstärkt den Mythos mit jeder einzelnen Scheidung, die im Polizeiumfeld bekannt wird — während die Hunderten stabilen Ehen unsichtbar bleiben.
In Polizei-Foren im deutschsprachigen Raum finden sich regelmässig besorgte Beiträge von Partnerinnen und Partnern: «Mein Freund fängt bei der Polizei an, halten solche Beziehungen überhaupt?» Oder: «Seine Kollegin ist gerade geschieden worden, jetzt habe ich Angst.»
Die Angst ist real, aber sie basiert auf einer falschen Prämisse. Jede einzelne gescheiterte Polizei-Ehe im Bekanntenkreis wird zum Beweisstück, während die zehn funktionierenden Partnerschaften daneben unsichtbar bleiben.
Die Antwort auf die Forenangst sollte nicht «Bereite dich auf das Schlimmste vor» lauten, sondern «Die Statistik ist auf eurer Seite, und es gibt konkrete Dinge, die ihr tun könnt.»







