148'000 unbezahlte Überstunden — allein bei der Basler Polizei. Wie soll da noch Platz für Liebe sein? Die Zahl stammt nicht aus einem Gewerkschaftsflyer, sondern aus der offiziellen Rechnung des Kantons Basel-Stadt, publiziert Ende 2023. Umgerechnet könnte man allen rund 1'000 Angestellten drei Wochen zusätzliche Ferien geben — und der Berg wäre immer noch nicht abgetragen.
Während Politikerinnen und Politiker über Sicherheitskonzepte debattieren, sitzen zu Hause Partnerinnen und Partner, die seit Wochen kein gemeinsames Wochenende mehr hatten. Die den Dienstplan studieren wie andere den Wetterbericht — mit dem gleichen Gefühl der Machtlosigkeit.
Dieser Artikel handelt davon, was passiert, wenn ein System seine Leute verheizt — und was Paare trotzdem tun können, um nicht unterzugehen. Von Basel, Zürich, St. Gallen und von den Tausenden Beziehungen in der ganzen Schweiz, die unter einem Personalmangel leiden, den die Politik seit Jahren verschleppt.
Die Zahlen: Drei Kantone, ein Muster
Basel-Stadt ist kein Einzelfall. Die 148'000 Überstunden der Kantonspolizei sind nur deshalb so sichtbar, weil der Kanton sie öffentlich ausweist. Das Muster wiederholt sich von Ost nach West.
In St. Gallen meldete die Kantonspolizei Mitte 2024 bereits knapp 20'000 Überstunden — und das war nur der Stand zur Jahresmitte. Das Ostschweizer Newsportal FM1Today berichtete von über 17'000 Stunden Überzeit allein bei der Kapo. Kommunikationschef Hanspeter Krüsi sprach von einer Personallücke von rund 30 Stellen. Die Gründe: zeitintensive Delikte wie schwere Gewalt- und Sexualverbrechen, die immer mehr Ressourcen binden, dazu Grossereignisse wie das WEF in Davos, die Personal aus dem Normalbetrieb abziehen. Mehrere Polizeiposten in der Region mussten temporär geschlossen werden, darunter Walenstadt und Bad Ragaz. Nicht weil die Kriminalität sank, sondern weil schlicht niemand da war, um den Schalter zu besetzen.
In Zürich kämpft die Stadtpolizei seit sechs Jahren mit Unterbesetzung. Rund 60 budgetierte Stellen konnten laut dem Polizeigewerkschafter nicht besetzt werden. Im ersten Halbjahr 2024 verliessen mehr als 50 Beamte den Dienst — doppelt so viele wie noch 2018. Polizeiwachen schlossen über Nacht, weil die Überstunden nicht mehr tragbar waren, wie der Tages-Anzeiger berichtete. Die Kantonspolizei Zürich steht zwar besser da als die Stadtpolizei, doch auch dort zeigen die Abgänge in die Privatwirtschaft Wirkung: Bessere Löhne, regelmässige Arbeitszeiten und keine Wochenendschichten locken erfahrene Beamte weg — und mit ihnen geht Wissen, das sich nicht in einem Polizeiakademie-Jahrgang ersetzen lässt.
20 Minuten titelte im Herbst 2024: «Hunderte Polizisten fehlen — jetzt drohen Postenschliessungen.» Die Oberste Polizeibeamtin der Schweiz warnte, im schlimmsten Fall «verscherbeln wir das Gewaltmonopol des Staates». Schweizweit schätzt die KKJPD, dass mindestens 1'500 zusätzliche Polizistinnen und Polizisten fehlen. Rechnet man nach dem UNO-Richtwert von 300 Beamten pro 100'000 Einwohner hoch, sind es sogar über 7'000.
Branchenkenner sprechen von einer Million Überstunden pro Jahr — quer durch alle 26 Kantone. Das sind keine abstrakten Zahlen. Hinter jeder Überstunde steht ein Mensch, der nicht zu Hause ist. Und hinter diesem Menschen steht jemand, der wartet.
Was das für Beziehungen bedeutet
Polizeiarbeit ist Schichtarbeit. Das klingt nach einem Allgemeinplatz, bis man den Dienstplan einer typischen Schweizer Kantonspolizei anschaut. Zwölf-Stunden-Schichten sind Standard: 06:00 bis 18:00, dann 18:00 bis 06:00, dazu Pikettdienste, Sondereinsätze und die permanente Möglichkeit, zurückgerufen zu werden. Feiertage, Wochenenden, Silvester — alles verhandelbar, nichts garantiert.
Der Dienstplan regiert das Leben. Und er nimmt keine Rücksicht auf Geburtstage, Schulaufführungen oder den Hochzeitstag.
Das Problem ist nicht die einzelne Nachtschicht. Das Problem ist die Kumulation. Wenn der Personalbestand sinkt, verdichten sich die Schichten. Freie Tage werden gestrichen. Kompensationstage können nicht bezogen werden, weil am nächsten Tag wieder jemand fehlt. Der VSPB formulierte es an seiner Delegiertenversammlung 2024 in Crans-Montana unmissverständlich: «Freie Wochenenden können nicht mehr bezogen werden.» Leistungsabbau sei nicht mehr Theorie, sondern Realität.
Für Paare bedeutet das: Der Kalender wird zum Feind. Du planst ein gemeinsames Abendessen am Freitag, und am Donnerstagnachmittag kommt die SMS — Schichttausch, Sondereinsatz, Personalengpass. Irgendwann hörst du auf zu planen. Nicht weil du aufgibst, sondern weil die Enttäuschung schlimmer ist als die Leere.
Besonders hart trifft es Paare mit Kindern. Wenn beide Elternteile im Schichtdienst arbeiten, wird die Kinderbetreuung zum logistischen Albtraum. In ländlichen Kantonen, wo die nächste Kita dreissig Minuten entfernt ist und die Grosseltern in einem anderen Tal leben, spitzt sich die Lage besonders zu. Manche Paare berichten, dass sie ihre Ferien nicht für Erholung nutzen, sondern ausschliesslich dafür, die Betreuungslücken der vergangenen Monate auszugleichen.
Das SRF dokumentierte 2024, wie Polizistinnen und Polizisten an ihre Belastungsgrenzen kommen. Was in solchen Berichten selten vorkommt: die Partnerinnen und Partner, die den emotionalen Restmüll auffangen. Die den müden, gereizten, wortkargen Menschen nach der dritten Nachtschicht in Folge nicht fragen «Wie war dein Tag?», weil sie die Antwort kennen. Oder schlimmer: weil sie fürchten, dass er gar nicht mehr antworten will.
Dazu kommt ein Effekt, den Arbeitspsychologen als «Schichtarbeit-Jetlag» bezeichnen: Der Körper gewöhnt sich nie vollständig an wechselnde Schlafrhythmen. Wer Montag die Nachtschicht fährt und Mittwoch die Frühschicht, lebt in einem permanenten Zustand der Desynchronisation. Das macht nicht nur müde — es macht reizbar, vergesslich und emotional flach. Der Partner erlebt jemanden, der physisch anwesend ist, aber mental woanders. Studien der Universität Freiburg zeigen, dass Schichtarbeitende signifikant häufiger unter Beziehungsproblemen leiden als Tagarbeitende. Nicht weil sie schlechtere Partner sind — sondern weil ihr Körper nie zur Ruhe kommt.







